Sorge um das Inventar: reparieren statt wegwerfen

 “Reparieren lohnt sich nicht”: Die Wegwerfgesellschaft hat sich angesichts des rasant fortschreitenden Klimawandels überlebt. „Es muss sich auszahlen“: Die vorherrschende immobilienökonomische Sichtweise stellt allzu oft den Wert der Bausubstanz im Hinblick auf die kurzfristige Rentabilität und den technischen Änderungsdruck in Frage. Umdenken ist notwendig, sowohl im kleinen Maßstab des üblichen privaten Verbrauchs als auch im großen Maßstab des immens ressourcenintensiven Bauens.

“Der Erhalt und die Erweiterung des Bestehenden, das weitere Nachdenken über den kulturellen und ökologischen Wert des Gebäudebestands ist eine großartige Option für die Zukunft, um die Verbindungen zwischen Gebäude und Stadt, zwischen individuellen und sozialen Bedürfnissen in ein ökologisches Gleichgewicht zu bringen”, schreibt Susanne Wartzeck. Präsident der Föderation Deutsche Architekten BDA, in der Einleitung. Die Veröffentlichung ist ein Plädoyer für die verantwortungsvolle Instandhaltung bestehender Stoffe über die bisher wirtschaftlich gerechtfertigte Lebensdauer von 30 Jahren für Gebäude hinaus sowie für eine neue, erschwingliche Umbaukultur zusätzlich zu dem dringend benötigten Neubau in allen Preissegmenten.

Erhaltung der Umwelt und der sozialen Strukturen

In zehn Strategien zeigen Architekten und Stadtforscher ihre Sorge um den Gebäudebestand, einschließlich der Sorge um etablierte soziale Strukturen und um die Erhaltung der Umwelt. Sie befürworten ein vorausschauendes Denken und eine sorgfältige Reparatur von Lebensräumen und Lebenskulturen. Sie zeigen, wie neue Perspektiven im städtischen und regionalen Kontext durch vernetzte Ansätze, durch auf das Gemeinwohl ausgerichtete Zusammenarbeit und durch Partizipationskonzepte entstehen. Für die Zukunft, dh die heute errichteten Gebäude, werden Strategien für den zirkulären Materialeinsatz und die Offenheit für zukünftige Anforderungen entwickelt. Gemeinsam ist den Konzepten, dass sie Schritt für Schritt umgesetzt werden können und sich durch kleinstmögliche Eingriffe und geringen Ressourcenverbrauch auszeichnen, anstatt sich auf kostenintensive und materialintensive Gesamtumwandlungen zu verlassen.

Inventar neu entdecken

Strategie Nummer eins, die “Abkehr vom Bestehenden”, ist die Forderung nach einem reduktiven Ansatz, der durch kreative Interaktion und fortgesetzte Nutzung soziale Räume für die Zukunft schafft. Die Autoren und Architekten Katja Fischer und Jan Kampshoff beschreiben die Rolle von Allianzen und Beteiligungsprozessen, die zu einer veränderten Sicht auf das, was verfügbar ist, führen. Das beispielhafte Beispiel ist die Wiederbelebung des   seit langem leer stehenden  Eiermann-Gebäudes in Apolda , das  sich zu einem vielseitigen Kreativ- und Produktionsstandort entwickelt.

Donuts statt Donuts

„Donuts müssen zu Donuts gemacht werden“ lautet der Titel einer Strategie zur Aktivierung von Stellenangeboten in Stadt- und Dorfzentren, die erkennt, dass das, was verloren geht, nicht wiederbelebt, sondern neu interpretiert werden kann. Dies funktioniert laut den Autoren und Architekten Roland Gruber, Maria Isabettini und Peter Nageler am besten, wenn die Menschen vor Ort dabei helfen, die zukünftigen Bilder für ihre alltägliche Realität zu entwickeln. Die Wiederbelebung des Stadtzentrums von Trofaiach, einer kleinen Stadt in der Steiermark, wird als Best-Practice-Beispiel vorgestellt.

Am Beispiel eines Reihenhauses in Frankfurt am Main macht der Beitrag “Growing Existing” der Architekten Aysin İpekci und Kamiel Klaasse darauf aufmerksam, dass die heute errichteten Gebäude der Bestand von morgen sind. Das neue Gebäude wird nachhaltig entwickelt, verfügt über unterschiedlich große Grundrisse von Wohnungen und Gemeinschaftsräume und gewährleistet durch das Design mit niedriger Barriere generationenübergreifende Wohnmöglichkeiten.

Ausstellung und Podcast

Die Veröffentlichung des BDA wird von einer Ausstellung in der Berliner DAZ begleitet, die der Öffentlichkeit zugänglich sein wird, sobald die aktuellen Entwicklungen dies wieder zulassen. Interessenten können sich  im Rahmen einer Filmtour vorab  ein Bild vom Ausstellungskonzept machen   .

Darüber hinaus wurde in der Reihe des BDA-Think Tanks “Don’t Waste the Crisis” ein  Podcast  zum Thema  Buch und Ausstellung veröffentlicht  : BDA-Präsidentin Susanne Wartzeck spricht mit Staatssekretärin Anne Katrin Bohle vom Bundesministerium für Bauwesen über die politischen Rahmenbedingungen, die notwendig sind, um den Bestand effektiv pflegen zu können.

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